Kulturkritik

Dieses ganze Dissen eines Films wie New Moon (siehe mein letzter Blogeintrag), der offensichtlich bei den Massen gut ankommt, erinnert mich an einen Artikel in der November 2009 Ausgabe des brandeins Magazins zum Thema Kunst und die Arroganz der sogenannten “Elite” gegenüber Popkultur. Darin heißt es:

Ein finnischer Problemfilm mit ungarischen Untertiteln ist ein Kunstwerk. Eine Hollywood-Produktion mit mehr als einer Million zahlender Kinobesucher kapitalistisches “Blendwerk”. Einen Bestseller liest man, wenn überhaupt, heimlich. Musik, die in der Hitparade landet, hat man nie gehört. Schön, wahr und gut ist nur das Randständige. Denn nur Kunst, die die Massen nicht verstehen und folgerichtig auch nicht kaufen wollen, entzieht sich den Machinationen des Kapitalismus. Was wunderlich ist, muss wahr sein.

Weiter:

Diese vermeintlich so “fortschrittliche” und “systemkritische” Einschätzung lebt vor allem aber von Geschmack und Arroganz.

Außerdem:

Dass Populärkultur ein Ausdruck der Demokratisierung des Kunstgeschmacks sein könnte, spielt eine Nebenrolle. Darin lebt die Verachtung der Eliten fort, die ihre “schönen Künste”, ihre Hochkultur über die des Volkes stellten.

Das unterstreicht sehr schön meine Wahrnehmung von so manchen Menschen. Die unbedingte Abgrenzung von der Masse und das sich Herausstellen indem man das was der Masse gefällt als schlecht abtut und sich Kunst-Statussymbole zulegt (sei es durch Kauf oder Konsum). Am besten ausgefallen oder schwer zugänglich. Das ist meiner Meinung nach übrigens nicht besser als eine Louis Vuitton Handtasche oder einen Porsche zu kaufen, das meist von eben den gleichen Personen als profan hingestellt wird.

Dazu ebenfalls ein kleiner interessanter Auszug aus dem brandeins:

Es geht um Wahrnehmbarkeit. Unterscheidbarkeit. Das ist die ganze Kunst. Und für diese Kunst ist nichts zu teuer, zu aufwendig. Das bestätigt auch die Evolutionstheorie, das Meisterwerk des Charles Darwin. In seinem “On The Origin of Species” taucht ein bunter Vogel auf – der Pfau. Dieses Tier fliegt miserabel, verfügt über keinerlei Bordwaffen, dafür aber über ein auffälliges Federkleid. Das Pfauenmännchen breitet diesen Schmuck gern zu einem Rad aus und begleitet diese Show mit einem durchdringenden Gekrächze. Er tut eigentlich alles, um gefressen zu werden. Wie kann sich ein solches Tier in der Evolution behaupten?, fragte sich Darwin. Es dauerte einige Zeit, bis er das Rätsel lösen konnte. Das auffällige Gehabe ist für Pfauenweibchen ein deutliches Zeichen für die Fitness und damit Überlegenheit ihres Partners. Der eitle Pfau ist ein idealer Reproduktionspartner. Er hat es nicht nötig, sich zu verstecken. Wer sich das leisten kann, muss schon ein toller Hecht sein. Wie der Pfau, so der Mensch.

Schön, nicht alles was Mainstream ist ist gut (wer auch immer das beurteilen kann), aber das wirkliche Leben ist doch so, dass niemand besser ist als ein anderer. Das Anderssein oder das Anderssein-wollen ist auch in Ordnung und normal, aber nicht indem man sich über andere stellt, sondern durch die Einstellung zu allem zu stehen was einem gefällt – ob Mainstream oder nicht, ob große Kunst oder Trash – ohne Gedanke wie das auf meine “Personal Brand” wirkt.

Vielleicht ist das aber auch zu hoch gegriffen und der Umstand, dass ich diesen Beitrag verfasse die Widerlegung meiner eben aufgestellten Formulierung, denn jeder ist wie er ist, egal welchem Statussymbol oder -verhalten er nachjagt.

  1. lennieNo Gravatar

    vielen dank für den beitrag, war längst nötig, dass das mal wer ausspricht! btw. letzter satz war unnötig. ;-)

  2. MarkusNo Gravatar

    Ich hab da letztens im Economist ein nettes Zitat dazu gelesen:

    A lot of the people who read a bestselling novel, for example, do not read much other fiction. By contrast, the audience for an obscure novel is largely composed of people who read a lot. That means the least popular books are judged by people who have the highest standards, while the most popular are judged by people who literally do not know any better. An American who read just one book this year was disproportionately likely to have read ‘The Lost Symbol’, by Dan Brown. He almost certainly liked it.

    (siehe http://soup.nuclearsquid.com/post/40631128/A-lot-of-the-people-who-read für Quelle etc.)

    Und zumindest für Bücher kann ich das bestätigen. Die Bestseller sind oft maximal nett zum lesen, aber halt nicht mehr. Wirklich gute Bücher findet man nur selten in den Bestsellerlisten (ja, “gut” kommt auch wieder auf die Definition an, aber…)

  3. susanneNo Gravatar

    So hab ich das noch gar nicht gesehen. Das könnte stimmen. Rechtfertigt jedoch noch immer nicht die Arroganz der “Elite” gegenüber dem Mainstream – der auch gut sein kann.

  4. MarkusNo Gravatar

    Wollte ich damit auch nicht sagen :)

    Eher das jemand der sich neben dem Mainstream bewegt nicht unbedingt Arrogant sein muss. Ich lese, schaue und höre z.B. gern eben so alternative Sachen, weil die einerseits interessant sind (im Mainstream finden eher wenige Experimente statt), und andererseits weil beinahe alles was im Mainstream auftaucht zu sehr auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht wurde, und damit für mich einfach nicht mehr wirklich stimulierend ist. Ich glaube nicht das so eine Einstellung sehr arrogant ist, und wenn doch, dass ich sie nicht zu sehr heraushängen lasse ;)

    Du beschreibst aber eher Menschen, die gegen den Mainstream sind, um sich irgendwie abzuheben, nicht weil sie an den anderen Sachen unbedingt interessiert sind. Mit so einer Einstellung kann ich auch nicht viel anfangen, weil davon hätte ich einfach nix :)

    Irgendwo hab ich mal einen Artikel über den Mode-Zyklus gelesen. Da sich Mode nur in relativ engen Parametern unterscheiden kann (Stoffe, Farben, Schnitt, sehr vereinfacht gesagt), und Mode von den verschiedenen Gesellschaftsschichten dazu verwendet wird sich untereinander abzuheben, entsteht dabei ein Kreislauf wo verschiedene Trends sich so durch die Schichten bewegen (immer von oben nach unten), bis sie irgendwann wieder komplett out sind (also von der untersten Schicht aufgegeben wurden), und dann irgendwann wieder von der Oberschicht aufgenommen werden, um sich von der Mittelschicht abzuheben, etc.

    Leider find ich einfach den originalen Artikel nicht mehr :(

  5. Lisa OberndorferNo Gravatar

    Vielen vielen Dank für diesen Beitrag! Ich bin auch ein Mainstream-Mensch und gehöre wahrscheinlich zu den wenigen, die das zugeben. Am schlimmsten finde ich die Pop Charts von derStandard.at, ich weiß nicht in welcher Garage die diese “Artisten” aufspüren. Ich hab mal gehört dass FM4 einen Titel, sobald er auch auf Ö3 läuft, nicht mehr spielt. Sollte das stimmen, finde ich das total lächerlich.

    Und ich steh zwar nicht auf New Moon, aber dafür auch so manch andere Hollywood-Filme :)

  6. susanneNo Gravatar

    @markus wir scheinen eh einer meinung zu sein. das was du über die mode schreibst klingt interessant. erinnert mich auch an musik. gewisse kompliziertere beats waren vor einiger zeit in der elektronischen musik modern. die hörte man später sogar bei britney spears. da ging man in der elektronischen musik wieder auf 80ies bzw. 90ies und jetzt hört man das wieder verstärkt bei mainstream musik.

    @lisa danke! und das mit fm4 hab ich auch schon gehört. die scissor sisters vielen dem zum opfer. ich glaub auch the gossip wird nun das gleiche schicksal ereilen.

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