Kulturkritik
susanne, am 11. Januar 2010
Dieses ganze Dissen eines Films wie New Moon (siehe mein letzter Blogeintrag), der offensichtlich bei den Massen gut ankommt, erinnert mich an einen Artikel in der November 2009 Ausgabe des brandeins Magazins zum Thema Kunst und die Arroganz der sogenannten “Elite” gegenüber Popkultur. Darin heißt es:
Ein finnischer Problemfilm mit ungarischen Untertiteln ist ein Kunstwerk. Eine Hollywood-Produktion mit mehr als einer Million zahlender Kinobesucher kapitalistisches “Blendwerk”. Einen Bestseller liest man, wenn überhaupt, heimlich. Musik, die in der Hitparade landet, hat man nie gehört. Schön, wahr und gut ist nur das Randständige. Denn nur Kunst, die die Massen nicht verstehen und folgerichtig auch nicht kaufen wollen, entzieht sich den Machinationen des Kapitalismus. Was wunderlich ist, muss wahr sein.
Weiter:
Diese vermeintlich so “fortschrittliche” und “systemkritische” Einschätzung lebt vor allem aber von Geschmack und Arroganz.
Außerdem:
Dass Populärkultur ein Ausdruck der Demokratisierung des Kunstgeschmacks sein könnte, spielt eine Nebenrolle. Darin lebt die Verachtung der Eliten fort, die ihre “schönen Künste”, ihre Hochkultur über die des Volkes stellten.
Das unterstreicht sehr schön meine Wahrnehmung von so manchen Menschen. Die unbedingte Abgrenzung von der Masse und das sich Herausstellen indem man das was der Masse gefällt als schlecht abtut und sich Kunst-Statussymbole zulegt (sei es durch Kauf oder Konsum). Am besten ausgefallen oder schwer zugänglich. Das ist meiner Meinung nach übrigens nicht besser als eine Louis Vuitton Handtasche oder einen Porsche zu kaufen, das meist von eben den gleichen Personen als profan hingestellt wird.
Dazu ebenfalls ein kleiner interessanter Auszug aus dem brandeins:
Es geht um Wahrnehmbarkeit. Unterscheidbarkeit. Das ist die ganze Kunst. Und für diese Kunst ist nichts zu teuer, zu aufwendig. Das bestätigt auch die Evolutionstheorie, das Meisterwerk des Charles Darwin. In seinem “On The Origin of Species” taucht ein bunter Vogel auf – der Pfau. Dieses Tier fliegt miserabel, verfügt über keinerlei Bordwaffen, dafür aber über ein auffälliges Federkleid. Das Pfauenmännchen breitet diesen Schmuck gern zu einem Rad aus und begleitet diese Show mit einem durchdringenden Gekrächze. Er tut eigentlich alles, um gefressen zu werden. Wie kann sich ein solches Tier in der Evolution behaupten?, fragte sich Darwin. Es dauerte einige Zeit, bis er das Rätsel lösen konnte. Das auffällige Gehabe ist für Pfauenweibchen ein deutliches Zeichen für die Fitness und damit Überlegenheit ihres Partners. Der eitle Pfau ist ein idealer Reproduktionspartner. Er hat es nicht nötig, sich zu verstecken. Wer sich das leisten kann, muss schon ein toller Hecht sein. Wie der Pfau, so der Mensch.
Schön, nicht alles was Mainstream ist ist gut (wer auch immer das beurteilen kann), aber das wirkliche Leben ist doch so, dass niemand besser ist als ein anderer. Das Anderssein oder das Anderssein-wollen ist auch in Ordnung und normal, aber nicht indem man sich über andere stellt, sondern durch die Einstellung zu allem zu stehen was einem gefällt – ob Mainstream oder nicht, ob große Kunst oder Trash – ohne Gedanke wie das auf meine “Personal Brand” wirkt.
Vielleicht ist das aber auch zu hoch gegriffen und der Umstand, dass ich diesen Beitrag verfasse die Widerlegung meiner eben aufgestellten Formulierung, denn jeder ist wie er ist, egal welchem Statussymbol oder -verhalten er nachjagt.
Ich mag kein Mängelexemplar
susanne, am 14. Oktober 2009
Frau Kuttner hat es geschafft und ist mit ihrem Buch “Mängelexemplar” in der Bestsellerliste. Das freut mich sehr! Ich mag Sarah Kuttner. Finde sie ist eine humorvolle und interessante Moderatorin. Aber, ob ich ihr das Lob auch für ihre schriftstellerisches Werk geben kann?

Leider muss ich das verneinen. Die Sprache mag zwar verspielt und lässig sein, so wie Frau Kuttner ja auch spricht, aber wirklich mitreißen konnte mich das Buch nicht. Dabei wurde es mir von vielen verlässlichen Quellen aus meinem Umkreis empfohlen. Word-of-Mouth par excellence quasi. Dennoch. Nichts. Der Funke ist bei mir nicht übergesprungen.
Leider nein
Ich sehe dafür verschiedene Gründe:
Erstens, ich hatte noch nie eine Depression oder einen Panikanfall. Soetwas muss zwar eigentlich kein Grund sein, dass man sich in eine Geschichte hinein findet, dennoch war für mich die Nachvollziehbarkeit der Situation der Hauptfigur so wenig gegeben. Dabei wird überall davon berichtet wie treffend dieses Buch die sogenannte “Quarterlife Crisis” beschreibt. Als ob alle Mitte Zwanzig Jährigen mit irgendeiner Lebenskrise zu kämpfen hätten, vielleicht auch noch in Zusammenhang mit einer schlechten Kindheit! Ich bin da mitten drinn und hab genauso viel oder genauso wenig Krise wie mit 18, als sich auch viel in meinem Leben verändert hat und es galt die richtigen Entscheidungen zu treffen. Natürlich macht einem das älter werden zu schaffen und der Druck ist groß, aber Krise? Das soll für meine Generation sprechen? Naja, nicht zu vorlaut sein, vielleicht kommts ja noch.
Zweitens, war mir die Geschichte zu flach. Eine junge Frau ist unzufrieden mit der Gesamtsituation, hat Ballast aus der Kindheit, trennt sich von ihrem Freund und hat Liebeskummer, Nervenzusammenbruch, Krankheit, neue Liebe und zum finale das große Learning. Ja ,eh gut, was will man mehr. Ich weiß es auch nicht. Mir war es zu fad.
Zusammengefasst, die Sprache macht Spaß, wobei sie vielleicht etwas zu sehr MTV-isch ist, der Rest hinterlässt bei mir keinen bleibenden Eindruck.
Übrigens, für alle die wie der Stern meinen, Kuttner hätte DEN Roman zu Psychokrankheiten geschrieben hier eine Empfehlung meinerseite: “Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen”. Darin geht es um ein junge Frau mit Schizophrenie. Hat mich damals mehr gefesselt als “Mängelexemplar”.
Update: Ich mochte auch das Buch von Charlotte Roche nicht. Feuchtgebiet hat mich tatsächlich von vorne bis hinten genervt. Dabei finde ich auch die Roche eigentlich interessant und unterhaltsam als Moderatorin. Vielleicht sollt ich nicht mehr auf Moderatorinnen-Gequassel reinfallen und mir deren Bücher kaufen.
Choosing my Religion auf türkisch
susanne, am 16. September 2009
Wie ich im Spiegel gelesen habe regt sich im laizistischen türkischen Staat etwas bizarr Religiöses. Reality TV Reloaded kann man sagen. Der türksiche TV-Sender Kanal T möchte eine neue Show on-air bringen: ein katholischer und ein orthodoxer Priester, ein muslimischer Imam, ein jüdischer Rabbi und ein buddhistischer Mönch versuchen 12 Atheisten für ihre jeweilige Religion zu begeistern. Klingt fast wie der Beginn eines schlechten Witzes.

Der Ablauf
Acht Wochen lang dürfen die Geistlichen versuchen die Kandidaten unabhängig – wahrscheinlich wohl auch getrennt – voneinander von ihrer Religion zu überzeugen. Erlaubt sind persönliche Gespräche, Fragerunden und Ausflüge zu Moscheen und Kirchen. Wird ein Atheist bekehrt wartet nicht nur spirituelle Erleuchtung sondern auch eine Reise auf Senderkosten zum jeweiligen Heiligtum. Der Neo-Muslim darf also nach Mekka oder der Neo-Katholik zum Vatikan usw.
Der Widerstand
Während der Sender sagt, dass er bereits die Kandidaten ausgewählt hat sowie Zusagen von einem katholischen Priester und einem jüdischen Rabbi habe, ist bei den muslimischen Vertretern die Hölle los – darf ich das in diesem Zusammenhang überhaupt schreiben? :) Der Spiegel schreibt:
Das “Amt für religiöse Angelegenheiten” (Diyanet) in Ankara reagierte verärgert auf die Programmankündigung von Kanal T. “Nicht ein einziger Imam” werde bei diesem “Firlefanz” teilnehmen, empörte sich Diyanet-Präsident Ali Bardakoglu in einem Fernsehinterview, die Show sei ein “großer, verhängnisvoller Fehler” und überdies eine “Erniedrigung der Religion”.Auch Mustafa Çagrici, oberster Mufti von Istanbul, der wie Bardakoglu zu den besonnenen Stimmen im türkischen Islam gehört, fürchtete den Untergang des Morgenlands. Mit Gott zu experimentieren schade dem öffentlichen Frieden, schimpft er.
Dass die Show einen Imam brauchen wird um erfolgreich zu sein in einem Land mit 99 Prozent muslimischer Bevölkerung, ist selbstredend. Die Aufregung versteht der Sender nicht, denn man will ja helfen Gott zu entdecken. Ob es je diese Sendung geben wird ist unklar.
Reality Check
In einem laizistischen Staat, wo Religion an sich schon eine gewisse Brisanz hat, finde ich die Idee der Sendung mutig. Denn bei aller Trennung von Staat und Religion gibt es ja im besten Falle nur “eine wirkliche” Religion in der Türkei und die sollte dann schon der Islam sein.
Die Glaubensfindung als Reality Show aufzuziehen mag zwar manchen als stupider Fernsehunfug aufstoßen, dennoch kann ich dem etwas abgewinnen. Die meisten Gläubigen bekennen sich zu ihrer Religion aus Tradition heraus. Es bleibt meist keine Wahl und es passiert kaum eine Auseinandersetzung mit anderen Glaubensangeboten. Eine Sendung wie diese würde Alternativen aufzeigen und wenn das Ergebnis sein sollte, dass man besser an nichts glaubt, dann ist das auch ok, aber man entscheidet sich bewusst dafür. Ich denke, ich würde mir die Sendung ansehen – aber ich schau mir tatächlich auch viel Trash-Fernsehen an. :)
Übrigens: Viel schimmer als die Bekehrungsshow finde ich eine andere türksiche Produktion in der ein Mann gegen 50 Blondinen ein einem Wissenstest antritt mit dem Ziel die Frauen bloß zu stellen. Was soll aus dieser Welt noch werden?!
Internetdemokratie
susanne, am 25. August 2009
Auf eloquent.at schreibe ich über alles und nichts. Dinge, die mir unterkommen, mich interessieren. Von großem Interesse ist für mich die Entwicklung des Internets. Diesem Thema widme ich mich doch meist andernorts und zwar bei Liechtenecker.
Dennoch möchte ich hier kurz auf meinen neuesten Artikel dort verweisen: Netzdemokratie – Hilfe die Piraten kommen!
Worum geht es
Der Artikel beschreibt die Veränderung von einem statischen Tool zu einem sozialen Kanal, der die Gesellschaft vor Veränderungen stellt. Noch nie war es so leicht mit so vielen Menschen gleichzeitig in Kontakt zu treten. Schnell formen sich Gruppen um Themengebiete, Widerstand gegen Aufreger. Daraus entstehen neue politische Möglichkeiten jenseits der Parteienlandschaft. Wie es mit dieser neuen Internetdemokratie weitergeht ist unklar, auch ob sie tatsächlich relevant wird. Spannend finde ich es allemal.













